Was die Politik an einer deutschen Auslandschule über das Scheitern des Arabischen Frühlings verrät.

In einer der aufstrebenden Metropolen am arabischen Golf befindet sich eine deutsche Auslandschule. Die dort zu Beginns des Schuljahres 2017/2018 abgehaltenen Vorstandswahlen geben Aufschluss über die arabische Mentalität der Sippenhaftigkeit und verraten, warum der Arabische Frühling in Syrien und anderswo gescheitert ist.

Die Bildung am arabischen Golf ist Privatsache. Die meisten Schulen dort befinden sich in Privatbesitz und sind sehr auf Profit ausgerichtet. Die Schulgebühren betragen pro Kind nicht selten 20.000 EUR im Jahr und mehr. Zu den wenigen Ausnahmen gehören die dort ansässigen deutschen Schulen, wovon es, am Beispiel der Vereinigten Arabischen Emirate, drei gibt: in Sharjah, Dubai und in der Hauptstadt Abu Dhabi.

Um Fördermittel in großem Umfang aus Deutschland zu bekommen, müssen deutsche Auslandschulen gemeinnützig sein und basisdemokratische Strukturen vorweisen. Als Grundlage dafür dient das deutsche Vereinsrecht. Die Anwendung dieses Rechts unterscheidet sich von Schule zu Schule, aber im Allgemeinen sieht die Satzung einer deutschen Auslandsschule eine Kompetenzteilung vor. Während der pädagogische Part bei der deutschen Schulleitung bleibt, wird die Schule von einem Vorstand geführt, der aus Vereinsmitgliedern besteht und im Rahmen einer Mitgliederversammlung alle zwei Jahre gewählt wird.

Vor einigen Monaten fand an einer der deutschen Schulen am arabischen Golf wieder eine solche Wahl statt. Im Vorfeld dieser Wahl formierte sich ein starker Widerstand gegen die Wiederwahl des Vorstands, insbesondere gegen die Person des Vorstandsvorsitzenden, Herrn Jamal (der Namen wurde geändert), weil er nach Meinung vieler Eltern und trotz sechsjähriger Amtszeit es nicht geschafft hatte, ein Entwicklungskonzept für die Schule zu erarbeiten und ihr eine Zukunftsvision zu geben. Darüber hinaus besitzt er einen patriarchischen Führungsstil. Gelder, die für die Renovierung der Schule bestimmt waren, zog er bewiesenermaßen bar ab, um die Rechnungen der beteiligten Unternehmen zu begleichen, womit er sich selbst in den Verdacht brachte, Teile dieser Gelder veruntreut zu haben.

Herr Jamal bekam von dem Widerstand im Vorfeld mit und startete einen Gegenangriff. Er und Herr Mahmud – ein weiteres Vorstandsmitglied, dessen Name an dieser Stelle auch geändert wurde – griffen die Schulleitung scharf an und warfen ihr vor, einen Putsch gegen sie geplant zu haben. Mitglieder der deutschen Schulleitung berichteten von Treffen, in denen sie angeschrien und verbal attackiert wurden. Zum Weiteren wurden falsche Informationen über potentielle neue Kandidaten verbreitet, die darauf abzielten, sie zu diskreditieren und Angst vor ihnen zu schüren. Über WhatsApp und in arabischer Sprache riefen Unterstützer des Vorstands arabische Eltern dazu auf, den bestehenden Vorstand, der als Retter der arabisch- islamischen Kultur dargestellt wurde, geschlossen wiederzuwählen.  In Gesprächen wurde vor der Wahl der neuen Kandidaten gewarnt, weil sie angeblich gemeinsam mit der Schulleitung die Aufnahme von arabischen Familien erschweren sowie das Feiern islamischer Gebräuche wie Ramadan und Eid begrenzen wollten. Um die arabischen Eltern auf die Seite des Vorstands zu ziehen und dessen Wiederwahl zu garantieren, setzte die obskure Kampagne offensichtlich darauf, aus den Wahlen einen Kulturkampf zu machen und einen Graben zu bilden zwischen dem deutschen Teil, der aus deutschen Familien sowie der vorwiegend deutschen Schulleitung besteht, und dem Vorstand sowie den Eltern, die mehrheitlich arabisch sind.

Bis zu diesem Punkt ist die Geschichte weder neu noch typisch arabisch. Überall in der Welt werden bei politischen oder betrieblichen Wahlen Intrigen und Schmutzkampagnen gestrickt und ausgeführt. Jedoch sind in freiheitlich geprägten Staaten die Menschen für Intrigen mit konfessionellem oder ethnischen Charakter wenig empfänglich. Dagegen leben in der arabischen Welt Menschen mit unterschiedlicher geografischer Herkunft und mit verschiedener ethnischer und religiöser Zugehörigkeit nur so lange gut und friedlich zusammen, bis der erste Stein auf dieses empfindliche „Glaskonstrukt“ geworfen wird. Und so geschah es auch in Syrien: Bis zum Jahr 2011 haben in diesem Land neben der sunnitischen Mehrheit auch Schiiten, Christen, Drusen, Juden, Kurden, Armenier, Turkmanen und Assyrer friedlich zusammengelebt. Aber als Assad im Sommer des Jahres 2011 erkannte, dass er die Forderungen der bis dahin friedlich verlaufenden Demonstrationen nach Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie nicht erfüllen kann und will, zog er die ethnisch-konfessionelle Karte aus dem Ärmel und tat alles, was in seiner Macht stand, um die Demonstranten als terroristische Sunniten zu brandmarken, die im Falle einer Machtübernahme die Minderheiten unterdrücken würden. Diese Taktik ging voll auf: Sie verunsicherte die Minderheiten und spaltete die gesellschaftlichen Kräfte, was bekanntlich in bürgerkriegsähnliche Zuständen mündete und zum Scheitern des Aufstands gegen Assad führte.

Auch die in Libyen, dem Irak und dem Jemen herrschenden Unruhen liegen im Tribalismus und Konfessionismus begründet. Für einen Diskurs über die innergesellschaftlichen Gründe der arabischen Misere gibt es in den arabischen Ländern scheinbar keinen Bedarf, denn die Ursachen sehen die meisten Araber nicht im fragilen gesellschaftlichen Gebilde, welches eine Festigung dringend nötig hat, sondern ausschließlich in den „bösen“ Kräften, die bekanntlich aus einer regionalen oder internationalen Macht wie Saudi Arabien, Katar, die Türkei, Iran, Israel, Russland oder letztlich die USA stammen oder von einer dieser Mächte angeheuert und finanziert werden.

Selbst im Libanon, wo „konfessionelle“ Demokratie praktiziert wird, können Bürger nicht mal die Entlassung eines korrupten Ministers, der z. B. den Schiiten zuzurechnen ist, erzwingen, weil die schiitische Gemeinde dies als Angriff auf alle Schiiten auffasst und sich reflexartig und kollektiv hinter den Minister stellt. Denn eins ist klar: Der Schutz der Gemeinde hat gegenüber der Vernunft und dem allgemeinen Wohl der Gesellschaft offensichtlich Vorrang.

Zu Beginn des Schuljahres 2017/2018 wurde also in einer der deutschen Schulen am arabischen Golf der Vorstand neu gewählt. Im Gegensatz zu früheren Wahlen, an denen kaum jemand teilgenommen hatte, war der Saal brechend voll. Ein Vertreter des deutschen Auswärtigen Amtes war auch anwesend. Die Gegner des Herrn Jamal stellten kritische Fragen, es wurden die Missstände an der Schule angesprochen und das Fehlverhalten des Herrn Jamal und seiner Vorstandskollegen offengelegt. In der Sitzung, die mehrere Stunden dauerte, kam es auch zu tumultartigen Momenten. Am Ende des Abends wurde gewählt und kurz darauf standen die Sieger der Wahl fest: Der alte Vorstand wurde wiedergewählt.

Beruhigt gingen die mehrheitlich arabischen Eltern nach Hause, denn das mehrstündige Beharren in dieser Sitzung hatte sich ausgezahlt und das „Wir“ gerettet. Die an dem Abend angesprochenen Sachthemen hatten sie weder interessiert noch verstanden, denn die meisten Eltern sprechen kein Deutsch. Und Deutsch ist laut Schulsatzung die Verhandlungssprache einer Mitgliederversammlung.

Ein Gedanke zu “Was die Politik an einer deutschen Auslandschule über das Scheitern des Arabischen Frühlings verrät.

  1. Nach dem Motto, nach den Wahlen ist vor den nächsten Wahlen. Die arabische Gemeinde ist als Klientel für eine Deutsche Auslandsschule einfach zu wichtig. Wenn sich westliche Kultur mit arabischer trifft, dann sind Gegensätze und Unverständlichkeit vorprogrammiert. Eine Deutsche Auslandsschule ist meistens offiziell eine ‚Begegnungsschule‘. In diesen kulturellen Begegnungen sind Geister gefragt die den Versuch des Vermittelns probieren. Eine ständige Herausforderung, die jedoch nicht aufgegeben werden darf. Schlussendlich profitieren ja beide Kulturen voneinander.

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