Eine Leseprobe aus dem Roman „Der Golan-Marthon“

„Der Golan-Marathon“ ist ein politischer Roman. Er spielt im Jahr 2033 und erzählt die Geschichte des jungen Physikers Andy, der während eines dienstlichen Aufenthaltes in Syrien mit den Auswirkungen des Bürgerkrieges und der anschließenden Demokratisierung in dem Heimatland seiner Eltern konfrontiert wird. Währenddessen lernt er viel über Land und Leute kennen. Die Liebe zu einer Syrerin gefährdet die Beziehung zu seiner Verlobten Carla, die in Dresden zu Hause geblieben ist.

Der Marathon auf den Golanhöhen, Ausdruck des Friedens der Nahost-Staaten sowie Israels, bildet den Höhepunkt der Geschichte. Traum und Wirklichkeit verwischen.

Die Veröffentlichung dieses Romans wird noch im 2. Q/2015 erwartet

Der Atheist

Andy wachte am Morgen erst kurz vor elf Uhr auf. Damit verpasste er nicht nur das Hotelfrühstück, sondern es blieb ihm auch nur eine Stunde Zeit für die Entscheidung, ob er aus dem Hotel auschecken oder seinen Aufenthalt in Aleppo verlängern sollte. Schnell begab er sich in seine „Meditationskammer“. Unter dem heißen Wasser ließ er die Ereignisse des Vorabends Revue passieren. Er fragte sich, was er eigentlich von Lina wollte und was für ein Spiel er mit ihr trieb. Er war doch derjenige, der beim ersten Blick verzaubert worden war, sie durch die Gassen der Altstadt von Aleppo verfolgt hatte, sie angesprochen und ihr letzten Endes sein Interesse bekundet hatte. Gerade als sie anfing, ihr Herz zu öffnen, zog er sich emotional zurück. Begehrte er sie etwa nur körperlich? Hatte er ernsthaft geglaubt, eine orientalische Frau für eine Nacht ins Bett zu kriegen? Seine interkulturellen Kenntnisse reichten eigentlich aus, um zu wissen, dass so etwas wie ein One-Night-Stand für eine orientalische Frau gar nicht existierte. Hatte er vielleicht doch Gefühle für Lina, aber zugleich Angst, ihr hoffnungslos zu verfallen und sich dabei die Finger zu verbrennen? Möglicherweise meldete sich gerade sein Gewissen mit der Warnung vor einer Affäre, die seine Beziehung mit Carla gefährden könnte. Das schien ihm gut möglich, denn er liebte Carla sehr und hatte ihr gleich am Anfang die ewige Treue versprochen. Andy war sich auch sicher, dass sie die Beziehung nicht beenden würde, obwohl sie so verletzt auf seinen verlängerten Aufenthalt in Syrien reagiert hatte.
Nach dem Duschen machte sich Andy einen Kaffee, setzte sich auf den Sessel neben dem Bett, schaltete den Fernseher ein und ließ seine Gedanken weiter schweifen. Frisch geduscht und mit der Tasse in der Hand wurden ihm einige Dinge klar. Er wusste, dass ihn an Lina viel mehr als das rein Körperliche anzog. Es hatte auch auf emotionaler Ebene zwischen ihnen stark gefunkt. Vielleicht könnte es die große Liebe sein? Diese bräuchte allerdings eine intensive Pflege, um auch eine nachhaltige Partnerschaft zu werden.

Ansonsten wusste Andy vor allem, was er nicht wollte. Auf keinen Fall durfte in Syrien eine „Liebesbaustelle“ entstehen, die er aus dem fernen Deutschland nicht beseitigen konnte. Außerdem wollte er auch nicht vor eine Wahl zwischen Carla und Lina gestellt werden.

Andy stellte seine Tasse auf den Beistelltisch und schaute zum Fernseher. Dort lief eine Sendung über die regionalen Vorbereitungen für die großen Feierlichkeiten zum sechzigsten Jahrestag des Friedens und der Versöhnung, die in Damaskus und Tel Aviv stattfinden sollten. Für die Feierlichkeiten sollten Staatschefs aus der ganzen Welt eintreffen, unter ihnen die amerikanische Präsidentin, die deutsche Bundespräsidentin, der deutsche Kanzler, der spanische König sowie der japanische Kaiser. In diesem Zusammenhang sollte am Festtag der erste Golan-Marathon stattfinden. In der Sendung wurde der Verlauf des Marathons auf einer Karte gezeigt: 42,195 km durch die Golanhöhen, quer über die Grenzen der ehemalig verfeindeten Staaten Syrien und Israel. Plötzlich leuchteten Andys Augen. Durch die Golanhöhen zu laufen, war für ihn eine sensationelle und fast surreale Vorstellung. Er schaute auf das Datumsblatt seiner Uhr. Es blieben gerade drei Tage bis zu dem großen Ereignis. Die Frage, ob er seinen Aufenthalt in Aleppo verlängern sollte, war endgültig beantwortet. Er schaltete den Fernseher aus und fing an, seinen Koffer zu packen.

III

Eine schnelle Onlinerecherche ergab, dass die Bahn von Aleppo nach Damaskus am Flughafen von Aleppo hielt. Deswegen musste Andy vom Hotel aus lediglich einige Minuten unterirdisch laufen, um die Bahnstation zu erreichen. Während er auf den Zug wartete, rief er Lina an. Er bedankte sich für die zwei schönen Abende und informierte sie, dass er schon auf dem Weg nach Damaskus sei.

„Oh“, lautete ihre Antwort. Sie klang überrascht. Mit Verzögerung fuhr sie fort: „Dann wünsche ich dir schöne Tage in Damaskus und einen guten Rückflug.“

„Vielen Dank. Ich melde mich bald bei dir.“

Darauf ging Lina nicht ein. „Ich gebe dir Bescheid, falls ich zwischenzeitlich etwas über die Familie deiner Mutter erfahre.“

„Das wäre toll. Jetzt muss ich aber los. Der Zug ist schon da.“

Der ICE kam pünktlich. Andy stieg ein, legte seinen Koffer in das Gepäckfach und nahm im Großraum Platz. Ihm gegenüber saß bereits ein älteres Paar. Zur Begrüßung lächelte Andy. Der Mann lächelte zurück, aber seine Frau, die ein Kopftuch trug, schaute weg. Andy fiel ein, wie wenigen verschleierten Frauen er in den vergangenen Tagen in Aleppo begegnet war. Es musste sich in den letzten zwanzig Jahren in Syrien diesbezüglich vieles verändert haben, denn Andys Eltern hatten ihm immer ein Bild von Syrien vermittelt, in dem die meisten Frauen ein Kopftuch trugen. Andy konnte sich entsinnen, dass er auf den Straßen von Köln und Berlin wesentlich mehr verschleierte Frauen gesehen hatte als in diesem Land. Bei keiner seiner Begegnungen hatte die Frau ein freundliches Lächeln im Gesicht gehabt. Andy fragte sich, ob das mit dem Islam zusammenhinge und ob die Religion den Frauen verbiete, in der Öffentlichkeit Freude zu zeigen. Möglicherweise zielte ein solches Verbot darauf ab, die Begierde fremder Männer nicht zu entfachen.

Wenn trotz eines dämlichen Kopftuchs ein einfaches Lächeln schon ausreicht, um die Lust eines Mannes zu wecken, dann ist das wohl eindeutig das Problem des Mannes und nicht der Frau, dachte Andy und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Eigentlich hätte der Islam die Männer zähmen müssen, anstatt die persönliche Freiheit der Frauen einzuschränken. Andy versuchte sich vorzustellen, wie das aussehen könnte und wie die Männer, der religiösen Anordnung folgend, die Öffentlichkeit nur mit dunklen Brillen betraten, während ihre Frauen freizügig und lächelnd wie Ballerinen über die Straßen tanzten.

Mit einem Grinsen vertrieb Andy diese absurde Vorstellung. Er fühlte sich wie ertappt, als ihm das Paar gegenüber vorwurfsvolle Blicke zuwarf. Ihn ließ das Gefühl nicht los, dass die Eheleute seine Gedanken gelesen hätten. Andy entfloh dieser merkwürdigen Situation, indem er sein TelTab aus seiner Jackentasche herausholte und auseinanderfaltete. Mit dessen Hilfe buchte er ein Hotelzimmer in Damaskus und meldete sich für den Golan-Marathon an. Anschließend schickte er sein virtuelles Ich auf Einkaufstour durch die Online-Sportläden Syriens. Da er für seinen ursprünglich geplanten kurzen Aufenthalt in Aleppo keine Sportkleidung mitgebracht hatte, musste er jetzt alles, was er für den Marathon brauchte, nachkaufen. Sein virtuelles Ich, das eine exakte Kopie seines biologischen Ichs war, probierte T-Shirts, Hosen und Schuhe an und erstellte eine Liste mit einer Auswahl einwandfrei passender Kleidung. Andy suchte sich einige Sachen davon aus, bezahlte und ließ die Bestellung in sein Hotel in Damaskus liefern.

Andy faltete sein TelTab wieder zusammen und dachte über das Telefonat mit Lina nach. Er war überrascht, wie ausgeglichen Lina am Telefon geklungen hatte. Könnte es sein, dass ihr arabischer Stolz einen traurigen Tonfall am Telefon verbot? Oder hatte sie schon erkannt, dass es zwecklos war, sich in einen unschlüssigen Mann zu verlieben, den sie kaum kannte, der vergeben war und der zudem viertausend Kilometer entfernt wohnte? Andy war noch viel mehr von seiner eigenen Gelassenheit überrascht. Der Abschied von Lina verlief doch nicht so schmerzhaft, wie er ihn ursprünglich eingeschätzt hatte.

Langsam hegte er den Verdacht, dass seine Gefühle für Lina ausschließlich mit dem Ort Aleppo zu tun hatten. In einer Stadt voller Mystik, dem Epizentrum des geheimnisvollen Orients, wo sich alle räumlichen, zeitlichen, kulturellen und emotionalen Koordinaten miteinander verwoben und sich zu einem Netz aus Versuchung und Leidenschaft entwickelten, war es unausweichlich, sich von einer Frau wie Lina verzaubern zu lassen.

Andy war schockiert über seine eigene Schlussfolgerung. Er hielt inne, um die Reichweite und die Konsequenzen seiner These zu erfassen. Sollte diese stimmen, würde das bedeuten, sein Gefühlskompass in Aleppo wäre gar nicht intakt gewesen und seine Gefühle für Lina wären reine Einbildung oder sogar Täuschung gewesen.

Nachdenklich und verwirrt schaute Andy aus dem Fenster, ohne draußen etwas wahrzunehmen. Langsam, wie aus einem Koma erwachend, begann er, die Umrisse einer verschwommenen Landschaft zu erkennen. Erst nach einer Weile war er wieder in der Lage, in die Ferne zu schauen. Draußen erstreckte sich eine beeindruckende Hügellandschaft mit Olivenplantagen, so weit das Auge reichte. Andy stellte sich vor, wie diese faszinierenden Bäume, die mehrere tausend Jahre alt werden können und Jahr für Jahr bis zu sechshundert Kilogramm Oliven tragen, über ein Gedächtnis verfügen würden und dazu noch über die eigenen Erlebnisse und Erinnerungen zu berichten in der Lage wären. Was für ein unermesslicher Schatz wäre dies? Während ein junger Baum von den über ihn hinweg jagenden Kampfjets des Bashar al-Assad erzählen könnte, würde sich ein anderer im mittleren Alter an den Sultan Saladin und die Kreuzritter erinnern. Ein noch reiferer Baum könnte die Details der Schlacht zwischen dem römischen Kaiser Aurelian und der syrischen Königin Zenobia enthüllen.

Andy drehte den Kopf und schaute aus dem Fenster der anderen Seite des Zuges. Dort bot sich ihm eine Science-Fiction-Szene: eine flache Landschaft, die bis zum Horizont mit Solarzellen gepflastert war. Andy rief sich die Karte von Syrien ins Gedächtnis. Darauf war zu erkennen, dass die Achse Aleppo – Damaskus die syrische Steppe von der fruchtbaren, mediterranen Berglandschaft namens Anti-Libanon-Gebirge trennte. Wie es aussah, nutzte man diese nun für ein ambitioniertes Solarprojekt.

Das Andy gegenüber sitzende Paar bekam von dem faszinierenden Kontrast der beiden Landschaften nichts mit. Während der Mann in ein mobiles Gerät vertieft war, schlief seine Frau. Ihren Kopf lehnte sie dabei so stark nach hinten, dass sie Andy einen weiten und tiefen Einblick in ihre Nasenlöcher ermöglichte. Theoretisch hätte er die Nasenhaare der älteren Dame zählen können. Er fragte sich spaßeshalber, ob es mit dem Islam in Einklang zu bringen sei, die Kopfhaare zu bedecken, aber zugleich die Nasenhaare in vollem Umfang zur Schau zu stellen.

Obwohl seine Blase nicht voll war, beschloss Andy aus Langeweile einer der Zugtoiletten einen Besuch abzustatten. Nach dem Toilettengang stand er einen Moment nachdenklich vor der Tür und schaute abwechselnd den Gang entlang nach links und rechts. Er entschied sich, nach links zu gehen – weg von seinem Sitzplatz.

Andy lief durch einige Waggons, bevor er das Zugrestaurant erreichte. Es war voll. Nur ein einziger hoher Tisch mit zwei Hockern war noch frei. Andy beeilte sich, um sich den Tisch zu sichern. Er setzte sich hin und warf einen Blick auf die in seinem TelTab erschienene Speisekarte. Er wählte ein Tawouk Sandwich aus, welches mit würzig mariniertem Hähnchen gefüllt war, ein Falafel Sandwich und dazu ein al-Sharq Bier.

„Ist dieser Platz noch frei?“, fragte ein Mann und zeigte auf den zweiten Hocker an Andys Tisch. „Ja, klar“, bestätigte Andy und blickte aus dem Fenster. Der Zug stand schon. Mit prüfendem Blick suchte Andy nach einem Ortsschild am Gleis: Hama. Andy erinnerte sich an einen Beitrag über diese Stadt, der einmal im Fernsehen lief. Sie war berühmt für ihre Norias – die größten Wasserräder der Welt, die zum Teil seit byzantinischen Zeiten der Bewässerung der Gebiete am Fluss Orontes dienten. Hundert Norias hatte es früher gegeben, aber heute waren lediglich siebzehn noch in Betrieb. Berüchtigt war Hama ebenfalls – für das Massaker von Hafiz al-Assad an den Bewohnern am Anfang der Achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts, bei dem zehntausende Menschen starben.

„Bitte sehr“, sagte der Kellner, der Andys Bestellung sowie einen Kaffee für den Tischnachbarn brachte. Letzterer war in Andys Alter und hatte lange Haare. Andy fiel das T-Shirt des Mannes auf. Darauf stand in arabischer Sprache geschrieben:

„Ana Mulhed, izan ana mawjoud.“

Andy schmunzelte über den Spruch, der auf Deutsch so viel wie

„Ich bin Atheist, also bin ich“ bedeutete.

„Schönes T-Shirt.“

Der Mann lächelte. Offensichtlich freute er sich über das Kompliment. „Sind Sie auch Atheist?“

„Das ist doch irrelevant“, antwortete Andy. „Die Hauptsache ist, dass auch diese Haltung einen würdigen Platz in dieser Gesellschaft hat. Darüber freue ich mich.“

„Tatsächlich, es ist nicht lange her, dass Menschen in dieser Ecke der Welt sich mit der Veröffentlichung eines solchen Slogans in Lebensgefahr begeben haben und zum Teil sogar wirklich deswegen umgebracht worden sind.“

„Ich bin immer noch verwundert darüber, wie das gelungen ist – es ist ja eine kulturelle Revolution im wahrsten Sinne des Wortes“, sagte Andy und blickte den Mann neugierig an.

„So ist es“, antwortete der Mann knapp und ließ seine Augen über die Köpfe der Restaurantgäste wandern. Das offensichtlich verhaltene Interesse des jungen Mannes an einer weiteren Unterhaltung über dieses Thema zwang Andy zum Nachlegen.

„Meine bescheidenen Eindrücke von diesem Land haben mir zu der Einsicht verholfen, dass Atheisten, Schwule, Lesben, unverheiratete Paare und Israel-Freunde eine anerkannte Stellung in der Gesellschaft haben. Genauso wie fromme Muslime, konservative Christen und nationalistische Araber und Kurden.“ Mit dieser Behauptung versuchte Andy den Mann aus der Reserve zu locken. Dieser nickte zustimmend, ohne die Ausführung Andys zu kommentieren. Andy ließ aber nicht locker. Er wollte den Menschen, denen er begegnete, so viele Informationen wie möglich entlocken und nahm dabei in Kauf, ihnen auf die Nerven zu gehen. „Was war aus Ihrer Sicht ausschlaggebend für diese Veränderung? Der Krieg kann doch nicht der einzige Grund gewesen sein.“

„Eigentlich schon“, widersprach der Mann und nahm einen Schluck von seinem heißen Kaffee. Nach einem kurzen Schweigen fing er an, seinen Einwand zu begründen. Damit ging Andys Taktik auf.

„Die Kriegsjahre haben die Menschen müde und konfliktscheu gemacht“, sagte er. „Keiner wollte irgendeine religiöse, nationalistische, patriotische oder ethnische Fahne mehr schwenken. Keiner wollte für oder gegen irgendetwas kämpfen. Die Menschen hatten einfach die Nase voll von Ideologien und hatten auch keine Lust mehr, irgendjemanden für irgendeine Haltung zu hassen. Sie wollten lediglich in Frieden leben.“

„Interessanter Ansatz“, kommentierte Andy. „Es ist traurig festzustellen, dass Kriege doch Vorteile haben können.“

„Ich würde nicht von Vorteilen reden, sondern von den Lehren, die aus einem Krieg gezogen werden können“, widersprach der Mann erneut. Andy fühlte sich dadurch wie ein kleiner, naiver Schüler. Auf der anderen Seite konnte er mit den Kenntnissen und Erfahrungen der Menschen dieses Landes, die unter einem verheerenden Krieg und seinen Folgen stark gelitten haben, nicht im entferntesten Sinne mithalten.

„Zur Info: Mein T-Shirt ist lediglich ein Produkt aus einer Serie namens ‚Der Philosoph Ali Baba’. Dort gibt es viele weitere Querdenkerzitate und provokante Slogans.“

„Ah“, meinte Andy knapp. Er ließ sich von dem Versuch eines Themenwechsels nicht beirren.

„Und was ist mit den konservativen Muslimen passiert?“

Sein Nachbar runzelte verwundert die Stirn. „Was soll aus denen geworden sein?“, antwortete er mit einer Gegenfrage.

„Man sieht sie kaum und man hört von denen auch nicht viel. Überhaupt: Wie haben Sie diese Veränderungen verkraftet? Der Islam toleriert doch keine Homosexuellen und Atheisten.“

Der Mann holte tief Luft, als ob das Gespräch gleich unter Wasser weitergehen würde.

„Der Aufstieg der fanatischen Muslime, der Djihadisten und letzten Endes der Terrororganisation Islamischer Staat hat damals bei den Menschen einen Schock ausgelöst und zu einer leidenschaftlichen Grundsatzdiskussion über den Islam und seine Rolle in der Gesellschaft geführt. Daraus resultierend ist eine moderne Variante des Islam entstanden.“

„Eine moderne Variante des Islam!?“, wiederholte Andy erstaunt.

„Ja. Bis dahin war der Islam eine starre Religion, die sich über tausendvierhundert Jahre kaum entwickelt hat. Das Problem bei dieser Unbeweglichkeit besteht in dem Glauben an einen göttlichen Auftrag, die islamischen und nicht-islamischen Gesellschaften – praktisch die gesamte Welt – zu führen.“

„Sie wollen mir damit sagen, dass der Islam sich von seinem Führungsanspruch verabschiedet hat?“

„Nicht vollständig und nicht überall. Es entstand zumindest ein neues Verständnis vom Islam, der sich lediglich auf die vertikale Beziehung zwischen Gott und Mensch beschränkt, ohne den Anspruch auf das Beherrschen oder Umerziehen von Mitmenschen im Namen der Religion zu haben. Und diese neue Auffassung verbreitete sich wie ein Strohfeuer, vor allem in Syrien.“

„Leben und Leben lassen als Leitsatz des islamischen Glaubens. Das ist einfach unglaublich“, sagte Andy und schüttelte dabei den Kopf.

Europa braucht einen neuen Islam

Von Yassin Nasri

Ich habe mich immer gefragt, wie Neonazis und Rechtsradikale sich ein Deutschland ohne Ausländer vorstellen, zumal ein ausländerfreies Deutschland konsequenterweise auch ein deutschfreies Ausland bedeuten muss. Können die Deutschen etwa ohne Sushi-Restaurants, Pizzastuben und Hollywoodfilme auskommen? Reicht es den Deutschen aus, Urlaub nur in der Eifel oder auf Sylt zu machen? Sollten Volkswagen, Mercedes und BMW ihre Autos nur für den Binnenmarkt produzieren? Weil eine solche Vorstellung absurd ist und auf einen limitierten Horizont des Trägers solcher Vorstellung hindeutet, habe ich mir nie wirklich Sorgen um Ausländerfeindlichkeit und deren Verbreitung in Deutschland gemacht.

Durch die Entstehung der Pegida- und Legida-Bewegungen haben sich die ausländerfeindlichen Kräfte in Deutschland weiterentwickelt und eine intellektuelle Maske aufgesetzt. Aus den dumpfen rassistischen Köpfen, die gegen jeden Ausländer hetzen, sind angeblich anständige Bürger geworden, die sich um die Kultur des Abendlandes sorgen und sich gegen die Invasion des Morgenlandes stemmen. Dabei unterscheiden sich die Argumente gegen den Islam und Muslime kaum von den Argumenten gegen Ausländer und Asylbewerber im Allgemeinen (während Legida-Plakate die Multi-Kulti-Gesellschaft verdammen, beschwert sich die Pegida-Dame Kathrin Oertel in einer Talkshow-Runde im Fernsehen über die angebliche Tabuisierung der Themen Asyl und Migration). Die Vorstellung, dass Nazis, Rechtradikale und andere konservative Bürger Seite an Seite nicht nur mit Franzosen, Italienern und Griechen, sondern auch mit in Deutschland lebenden Mosambikanern, Indern und Vietnamesen gegen muslimische Mitbürger protestieren, scheint daher absurd. Auch an dieser Stelle mache ich mir wenig Sorgen über die Verbreitung von Feindlichkeit gegen Ausländer muslimischer Herkunft, denn ich schätze die deutsche Bevölkerung als gebildet und schlau genug ein, um nicht auf eine billige Masche rechtsradikaler Gruppierungen reinzufallen.

Dennoch bedeutet die Absage an die Pegida- Bewegung keineswegs, dass man den Islam in seiner heutigen Form gutheißt und jede Art von Islamkritik missbilligt, zumal der Reformbedarf riesengroß ist. Der heutige Islam befindet sich in der größten Identitätskrise seiner tausendvierhundert Jahre alten Geschichte. Die Kluft zwischen seiner unverrückbaren Lehre und der modernen Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist enorm. Der Islam steht im Widerspruch nicht nur zu den kulturellen Werten westlicher Staaten, sondern auch zu deren demokratischen Gesetzen und sogar zu der UN-Menschenrechtscharta, insbesondere zu Artikel 18 – Religionsfreiheit – und zu Artikel 19 – Meinungsfreiheit. Als Beispiel sieht das islamische Recht die Todesstrafe für Religionsabtrünnige, Gottesleugner und Ehebrecher vor. Darüber hinaus steht der heutige Islam im Rechtfertigungszwang, weil sehr viel Terror in seinem Namen ausgeübt wird. Der Islam und die Muslime schulden der Menschheit eine Antwort auf die Frage, wie es zu der Entstehung von Taliban, Al Qaida, Islamischer Staat, Hisbollah, al-Nusra, Boko Haram sowie weiteren Djihadistengruppen und djihadistischen Zellen in westlichen Ländern kommen konnte. Die Zahl der Mitglieder und Sympathisanten dieser Terrororganisationen dürfte siebenstellig sein.

Im Gegensatz zu der polemischen und auf der Stammtischebene verlaufenden Islamkritik der Pegida-Anhänger muss die Kritik oder besser gesagt die Auseinandersetzung mit dem Islam konstruktiv sein und auf fachlicher Ebene geführt werden. Sie darf weder auf die Verbannung des Islams aus Deutschland und Europa abzielen, noch die Diskriminierung der Millionen in Deutschland und Europa friedlich lebenden Muslime unterstützen oder begünstigen. Die Auseinandersetzung mit dem Islam sollte gemeinsam mit friedlichen Muslime und deren moderaten Gelehrten erfolgen und das Ziel haben, einen innerislamischen Dialog unter europäischer Aufsicht zu initiieren – ein Dialog, der zur Entwicklung eines modernen Verständnisses vom Islam, ja sogar einer neuen islamischen Konfession führen soll. Europa braucht dringend einen modernen Islam und muss seine Entstehung aus eigenem Interesse stark fördern. Die neue islamische Konfession muss friedlich und demokratisch sein, muss Frauen und Männer gleichstellen und die Rechte aller Menschen ohne Ausnahme respektieren. Dazu gehört auch das Recht auf Gotteslästerung, auf Gottesleugnung und auf den Besitz einer kritischen oder satirischen Meinung nicht nur zum Islam, sondern auch zu jeder anderen Religion. Zudem darf der neue Islam menschliche Handlungen und Neigungen, wie außerehelicher Sex oder Homosexualität, nicht kriminalisieren.

Im Grunde genommen braucht die Welt einen Islam, der lediglich auf den Anspruch auf politische und gesellschaftliche Verantwortung verzichtet. Er sollte seine Rolle auf die Betreuung der vertikalen Gott-Mensch-Beziehung beschränken und sich zu einem Rechtsstaat bekennen als einzige Instanz, die sowohl für das Erlassen von Gesetzen als auch für die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung von Recht und Ordnung befugt ist. Zwar hat sich die absolute Mehrheit der Muslime innerlich darauf verständigt oder sich zumindest damit abgefunden, friedlich zu leben, sich dem Staat unterzuordnen und keine Gewalt zur Erzwingung islamischen Rechts anzuwenden, aber andererseits findet ein innerislamischer Dialog so gut wie nirgendwo statt und die Muslime verhalten sich so passiv, als ob es sich bei der Misere des Islams um einen Meteoriten handele, der in einen fremden Planeten eingeschlagen wäre. Im besten Fall wird bei Gesprächen unter Muslime dem Westen, Israel oder Russland die Schuld für die islamische Krise in die Schuhe geschoben. Kaum ein frommer Muslim stellt die Frage, ob der Fehler in dem tausendvierhundert Jahre alten Konstrukt des Islams liegen könnte. Kaum ein Muslim traut sich, die Elemente des Korans und des Hadith (die überlieferten Worte und Taten des Propheten), die Gewalt legitimieren, anzufechten oder in Frage zu stellen. Damit leben die moderaten Muslime in einer friedlichen Scheinwelt , während in einer Parallelwelt die Gewalt legitimierenden Elemente der eigenen Religion weiterhin bestehen bleiben, ihre Legitimation nie richtig verloren haben und wie eine Zeitbombe fungieren, die zur Explosion kommt, sobald das ökonomische und soziale Gefüge bei einem Muslim oder in einer islamisch geprägten Gesellschaft auseinanderbricht.

Auch wenn es sich manche sehr wünschen: die Globalisierung und Verschmelzung der Kulturen der Welt sind Prozesse, die unumkehrbar und auch nicht mehr aufzuhalten sind. Dementsprechend gehört der Islam zwangsläufig zu Europa und Europa muss sich mit dieser Tatsache abfinden und sich mit dem Islam arrangieren. Wenn die Muslime es nicht aus eigener Kraft schaffen, islamische Reformen in Gang zu setzen, müssen die Europäer helfen.

In seinem neuen Roman mit dem Namen „Unterwerfung“ zeichnet Houllebecq ein Bild von Frankreich, das im Jahre 2022 von einem muslimischen Präsidenten Namens Mohammed Ben Abbes regiert wird. Sollte sich bis dahin ein reformierter Islam in Frankreich und Europa durchgesetzt und verbreitet haben, wäre ein solches „Horrorszenario“ völlig in Ordnung. Bis vor etwa einem Jahrzehnt war ein schwarzer amerikanischer Präsident unvorstellbar gewesen. Heute ist das mit Barak Obama Realität.

Der Hahn auf der Müllhalde

Andenken an das dritte Jahr der syrischen Revolution

Von Yassin Nasri

 

 

Am 15.03.2011 hat der so genannte „Arabische Frühling“ den syrischen Boden erfasst. Die Proteste gegen den Machthaber Bashar al – Assad begannen friedlich. Die Sicherheitskräfte gingen jedoch mit aller Härte gegen die Demonstranten vor. Tausende Menschen wurden verhaftet, gefoltert oder getötet.  Deserteure haben die „Freie Syrische Armee“ (FSA) gegründet, die bis heute gegen Assad kämpft. Assad wird jedoch massiv von Russland und dem Iran unterstützt.

Beim Betrachten der gegenwärtigen weltpolitischen Lage ergeben sich für mich viele Fragen:

Ist die Welt, in der wir heute leben, ehrbar? Bewegt sich die Menschheit in Richtung vollkommener Humanität? Ist unsere heutige Welt besser als die im Mittelalter? Können wir auf die Errungenschaften unserer heutigen Zivilisation stolz sein?

Bis vor einigen Jahren hätte ich all diese Fragen mit einem klaren Ja beantwortet. Wir leben in einer modernen zivilsistierten Welt, die ehrbar ist. Wir glauben, große Kriege, wie beispielsweise der Zweite Weltkrieg, für immer hinter uns zu haben. Die Menschheit hat im Bereich der Menschenrechte vieles erreicht. Die Zeiten der Sklaverei und der Apartheid sind vorbei. Frauen, Minderheiten wie Homosexuelle und Behinderte sind auf dem besten Wege, weltweit zu ihren Rechten zu kommen. Es wurden viele nationale Demokratien errichtet und globale humane Werte festgelegt, die von den Institutionen der Vereinten Nationen, dem Weltsicherheitsrat und dem Internationalen Gerichtshof verteidigt werden.

Dann kam die Syrienkrise. Sie stellte mein Weltbild völlig auf den Kopf.

Diese Krise hat mir vor Augen geführt, wie gefangen die Welt in ihren nationalen Grenzen ist, ebenso wie in der nationalen Weltordnung und in den nationalbasierten Strukturen seiner Weltorganisationen. Weil Bashar al – Assad innerhalb seiner „Farm“ – Syrien – agiert, muss die Welt machtlos zusehen, wie er und sein Clan eine ganze Nation niedermetzelt, sie mit Chemiewaffen vergiftet und täglich mehrere Dutzend Vakuum- und Streubomben und TNT-Fässer über ihr abwirft. Und das seit drei Jahren. Die Zahl der Opfer dürfte die 160.000 schon überschritten haben. Das syrische Netzwerk für Menschenrechte schätzt die Zahl der Gebäude, Häuser, Schulen, Moscheen, Kirchen und Krankenhäuser, die beschädigt oder zerstört wurden, auf 2,9 Millionen, davon gehört eine halbe Million zur Kategorie „vollständig vernichtet“. Würde Assad es wagen, seine „legale“ Spielwiese zu verlassen und nur ein einziges TNT-Fass über ein Dorf in Israel oder in der Türkei zu werfen, würde er von den westlichen Mächten innerhalb einer Woche weggefegt. Hier wird eine Regel unserer zivilisierten Welt sichtbar: Ein Diktator kann machen und lassen, was er will, solange er dies in seiner eigenen „Farm“ (legale Bezeichnung: Land) tut.

Es ist sowieso paradox, dass ein Diktator, der -gemessen an seinem moralischen Verständnis und an seinen aktiven Handlungen- keinen höheren Stellenwert als ein kolumbianischer Mafiaboss verdient, volle weltweite rechtstaatliche Anerkennung und Legitimität genießt, sogar wenn er seinen Vorgänger, der mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein Diktator war, tötet und den Thron besteigt. Für Baschar al – Assad war es einfacher – er erbte die Macht von seinem grausamen Vater, Hafiz al – Assad, der bis zu seinem Tot im Jahr 2000 die 20 Millionen Bewohner seiner syrischen Farm sowie die Nachbarstaaten über mehr als drei Jahrzehnte terrorisierte und traumatisierte.

Das Makaberste an der ganzen Sache ist, dass der Diktator Bashar al – Assad den Schutz eines anderen Diktators genießt, dessen Land ein Vetorecht im Weltsicherheitsrat hat. Die Rede ist von Russland und Putin. Selbst wenn alle Vetomächte demokratisch regierte Länder wären, die Vetorechtsregelung ist undemokratisch, weil alle Entscheidungen von der Willkür eines Einzelnen abhängen und blockiert werden können.

Die logische Schlussfolgerung lautet: Wir brauchen eindeutig eine neue Weltordnung, oder mindestens eine grundlegende strukturelle Reformierung der Vereinten Nationen.

Aber wer soll das einfordern, geschweige denn durchsetzen? Die Fürsten mit dem Vetojoker? Oder die Adligen aus dem Club der verbündeten Industrienationen? Kaum vorstellbar. Diejenigen, die genug Gründe haben, die Fürsten vom Thron zu stoßen, sind die armen Bauern – die Entwicklungsländer.

Leider werden die meisten Entwicklungsländer von Diktatoren und absoluten Monarchen beherrscht. Die Menschen in diesen Ländern sind mit dem Traum der Freiheit in ihren eigenen Grenzen genug beschäftigt. Ihre Herrscherregimes dürften auf eine Reformierung der Vereinten Nationen gar nicht scharf sein, denn im Falle einer Anklage seitens der zivilisierten Welt könnten sie ohne das Veto Russlands nicht mehr geschützt werden.

Spätestens, seit die Amerikaner -auf Druck der Straßen von Kairo- ihren Verbündeten, Husni Mubarak, fallengelassen haben, kann sich kein Unrechtsregime dieser Welt mehr auf den Schutz der Vereinigten Staaten verlassen. Zwar hat Vladimir Putin ebenfalls, wenn auch zähneknirschend, seinen damaligen Verbündeten Muammar Al Gaddafi fallengelassen, aber das war ein Einzelfall. Der Sturz von Gaddafi markiert einen Schlussstrich in der bisherigen Weltpolitik Putins. Putin hat nämlich eine Marktlücke entdeckt und versucht nun, für sich und für sein Land Kapital daraus zu schlagen. Er hat erkannt, welche globale Macht er erlangen kann, wenn er sich als Beschützer der Diktatoren und Tyrannen dieser Welt zeigt und profiliert. Laut dem Demokratieindex 2012 der Zeitschrift Economist beträgt die Zahl der undemokratisch regierten Länder (aus den Gruppen der s. g. Hybrid- und der totalitären Regime) 88 Länder mit einem Anteil an der Weltbevölkerung von 44,9 %. Unter Marketinggesichtspunkten ergibt sich damit eine Marktgröße von 3,2 Milliarden Menschen – eine beachtliche Menge. Ein erstes Anzeichen der neuen russischen Strategie war der im Februar 2014 erfolgte Besuch des ägyptischen Armeechefs Feldmarschall  Al-Sisi in Moskau, sein Land war jahrzehntelang Verbündeter der Amerikaner. Dieser Besuch und der Kauf von Waffen war eine öffentliche Demonstration des Lagerwechsels und zeigte, dass Putin ihn als zukünftigen Diktator am Nil absegnete.

Die Vereinigten Staaten haben nicht nur befreundete Diktatoren wie Mubarak enttäuscht, sondern auch Völker, die sich gegen die Diktatoren erhoben haben. Ich bin in Syrien mit den Beschimpfungen des Westens aufgewachsen. Syrien galt Jahrzehnte als Schurkenstaat, der den Terrorismus fördert. Als Kind habe ich mich dafür geschämt, Syrer zu sein. Das war der Hauptgrund für meine Auswanderung nach Deutschland. Als die Syrer Mut fassten, sich gegen Assad zu erheben, fanden sie sich allein. Während sie zu Hundertausenden in den von der syrischen Armee umzingelten Gebieten sitzen und verhungern, hören sie aus der Ferne Durchhalteparolen, die aber niemanden satt machen.

Die syrische Krise schreit förmlich nach einer militärischen Intervention in Form von Luftschlägen – Bodentruppen will keiner im Mittleren Osten, nicht mal die Syrer selbst. Es ist zwar verständlich, dass die Vereinigten Staaten kriegsmüde sind, aber die abrupte  Wandlung vom Weltpolizisten und missionierenden Kampfritter (Ära G. W. Busch) hin zur Friedenstaube (Ära B. Obama) hinterlässt auf der globalen Bühne ein gefährliches Vakuum, welches die klassischen Feinde der USA (in erster Linie Russland und der Iran) versuchen zu füllen. Das, was Russland und Iran in Syrien machen, hätten sie in der Zeit von G. W. Bush nie gewagt. Es ist auch ein großer Irrtum des Westens und der Vereinigten Staaten zu glauben, dass die iranische Öffnung nach Westen ernst gemeint ist. Iran will sich lediglich Luft verschaffen, um ihr Atomprogramm zum Abschluss zu bringen und die Syrien-Operation auf der Seite von Assad zu Ende zu führen.

Beschämend für unsere heutige Welt ist auch die fehlende Gleichstellung krimineller Handlungen von natürlichen Personen und Staaten, inklusive ihrer Repräsentanten. Würde diese Gleichsetzung existieren, würde nicht nur Assad wegen Mord, Massenmord und Kriegsverbrechen belangt, sondern auch Putin, sein Außenminister und sein Verteidigungsminister wegen Beihilfe zum Mord, Massenmord und Kriegsverbrechen.

Deutschland würde bei entsprechender Rechtslage von einem Gericht wegen unterlassener Hilfeleistung schuldig gesprochen werden. Das Land zieht die falschen Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg und schließt prinzipiell jede Mitwirkung an kriegerischen Handlungen gegen eine Diktatur wie die von Assad aus. Dabei wird gern vergessen, dass genau diese kriegerischen Handlungen den Sturz des Naziregimes möglich machten.

Die Bürger von Deutschland und anderen freien Staaten wären wegen ihrer Gleichgültigkeit und wegen ihres engen Verständnisses von Zivilcourage mitschuldig. Wenn sie eine Gewalttat gegen eine Frau oder einen Ausländer auf der Straße beobachten, helfen sie sofort. Dagegen reagieren sie in Bezug auf die Millionen Syrer, die um Hilfe schreien, lediglich mit Schulterzucken.

Zur Entlastung der Bürger im Westen spricht die Tatsache, dass die Menschen in den arabischen und islamischen Länder noch weniger Mitleid und Solidarität mit ihren Brüdern in Syrien zeigen. Die dänischen Mohammed-Karikaturen haben zu mehr Zorn und Wut in den islamischen Ländern geführt als die Gräueltaten von Assad.

Die nächsten in der Schuldkette sind die Syrer selbst, die in Bezug auf Revolutionsmarketing und -management nicht besonders glänzten. Dazu fehlt ihnen der nötige Pragmatismus, dem Erzfeind Israel die Hand der Freundschaft entgegenzustrecken und um Hilfe zu bitten. Ist es jetzt nicht höchste Zeit, dass die Syrer die historisch zementierte Feindbewertung Israels neu überdenken? Sind nicht Iran, Hisboullah und Russland, die einen grausamen Diktator wie Assad uneingeschränkt unterstützen, die wahren Feinde von Syrien? Hätte Israel im Kriegsfall gegen Syrien Chemiewaffen oder Streubomben gegen Zivilisten eingesetzt? Leben die glücklichsten Syrer nicht doch im Schutz der israelischen Besatzung – auf den Golanhöhen im Schatten von Olivenhainen und ohne Angst vor Assad und seinen ballistischen Raketen und TNT Fässern? In den drei Jahren der syrischen Revolution bin ich nur wenigen Syrern begegnet, die trotz der grausamen Ereignisse, die dem syrischen Volk widerfahren sind, eine solche Meinung teilen.  Die Menschen, die gegen Assad kämpfen, sind letztendlich selbst Opfer der starren ideologischen Erziehung des syrischen sozialistischen Staates der Ära Assad Vater und Assad Sohn. Über Jahrzehnte wurden die Syrer mit antiimperialistischen, antikapitalistischen und antizionistischen Parolen geimpft.

Aber wer kommt nach Assad? Mit dieser Frage werde ich häufig von Menschen aus dem Westen konfrontiert, gerade dann, wenn es um die Diskussion über Hilfen geht, in welcher Form und an wen. Die Unsicherheit wird dabei als Rechtfertigung für die mangelnde Unterstützung des Westens aufgeführt. Hinter dieser Frage steckt aber auch eine tiefe Angst vor einem islamischen Syrien in der Post-Assad Ära. Diese Angst ist zu einem gewissen Grad berechtigt, sie begründet keineswegs das Unterlassen von Hilfe für das syrische Volk:

1-    Rechtlich und moralisch betrachtet, hängt eine Hilfeleistung nicht von der Person des Opfers ab. Egal, ob es sich bei dem Opfer um einen anständigen Bürger handelt oder um einen Nazi, einen Vergewaltiger oder einen Islamisten – die Pflicht zur Hilfeleistung bleibt unberührt. Nichts rechtfertigt den Staatsterrorismus eines Bashar al – Assad, auch wenn das Ziel der Revolution die Errichtung eines Gottesstaates wäre, was im Übrigen nicht stimmt.

2-    Die Menschen in Syrien können einfach die grausame Unterdrückung des Assadregimes nicht mehr aushalten, egal wie die Zukunft aussehen wird. Wenn eine Frau von ihrem Arbeitgeber sexuell belästigt wird, kündigt sie – egal wie ihre Chancen draußen auf dem Arbeitsmarkt sind. Eine syrische Aktivistin sagte mir einmal, dass sie gegen Assad kämpft und wenn nach ihm die Islamisten kämen, dann ginge der Kampf eben weiter.

3-     Die syrische Gesellschaft besteht aus vielen ethnischen und religiösen Gruppen, die immer zusammengelebt haben. Ich zählte als ein Kind von Damaskus zu den Sunniten. Mein Freundeskreis bestand aber aus  Sunniten, Shiiten, Alawiten, Armeinern, Kurden und Assyrern. Der Hausarzt meiner Familie war ein Jude. Eine solche ethnische  und religiöse Zusammensetzung der syrischen Gesellschaft lässt keine Mehrheiten für islamische Strömungen oder Parteien zu.

4-    Seit den Anschlägen vom 11. September üben die Diktatoren des Orients Gewalt zur Bekämpfung von Terrorismus und Islamismus aus und tarnen damit die Unterdrückung der eigenen Völker. Für solche Aktionen haben sie sogar immer die volle Unterstützung und Rückendeckung des Westens erhalten. Wenn es keine islamistischen Gruppierungen gab, haben sie welche kreiert. Das hat Al Maliki im Irak gemacht und das praktiziert Assad in Syrien auch.

5-    Unabhängig von dem Fall Syrien – die Menschen in den arabischen und islamischen Ländern haben das Recht, innerhalb stabiler demokratischer Strukturen, sich mehrheitlich für eine islamische Partei zu entscheiden. Der Westen, ob er das mag oder nicht, muss das akzeptieren. Der Westen sollte eine solche Auswahl nicht verspotten oder bekämpfen, sondern darin eine Chance sehen. Wenn islamische Parteien unterdrückt werden, werden sie bei den Menschen begehrter. Die Araber müssen schlechte Erfahrungen mit den islamischen Parteien machen. Ähnlich schlechte Erfahrungen hatten die Menschen in Deutschland mit den rechten Parteien wie der NPD und den Republikaner auf Länderebene gemacht. Gleiches gilt für die linken Parteien. In der Regel fliegen solche Parteien, die den Menschen außer ideologischen Parolen nichts zu bieten haben, nach einer Legislaturperiode aus dem Parlament raus. In Ägypten reichte ein Jahr Mursi aus, um 30 Millionen Menschen auf die Straße zu führen, um gegen ihn und die Muslimbrüder zu demonstrieren.

Mehr Angst vor der Zeit nach Assad sollte uns die Zeit mit einem Sieger Assad machen, falls er es tatsächlich schafft, die Volksrevolte niederzuschlagen. Das Ausmaß einer solchen Katastrophe wäre unvorstellbar. Die Macht des Iran im vorderasiatischen Raum würde eine bedrohliche Größe erreichen und die Freunde des Westens auf der arabischen Halbinsel in große Gefahr bringen. Assad und seine Bande würden größenwahnsinnig werden. Niemand in der Welt könnte ihren bösen Willen mehr brechen. Sie würden das Land auf der Suche nach ehemaligen Sympathisanten der Revolution und deren Väter, Mütter und Kinder durchkämmen. Das Enteignen, Vergewaltigen, Foltern und Morden würde wie nie zuvor betrieben werden.

Dazu wäre es unvorstellbar, dass ein weltweit geächteter und isolierter Assad in der finanziellen und technischen Lage wäre, sein am Boden liegendes Land, was er selbst zerstört hat, wieder aufzubauen. Seine Verbündeten, Iran, Russland und Nordkorea würden kaum in der Lage sein, ihm für den Wiederaufbau einen Cent zu geben. Für sie ist der geopolitische Sieg wichtig. Der Rest ist ihnen egal. Assad würde in einem zerstörten Syrien sitzen wie ein einsamer Hahn auf einer Müllhalde. Spätesten dann wird er hoffentlich am Müllgeruch ersticken.